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15.10.2012

Gedanken über Trauer

Ein paar Fragen und Antworten

Zur einer guten Unterstützung von Trauernden...

Ich denke, die Hauptaufgabe einer guten Trauerbegletung liegt darin, Trauernden zu zeigen, dass ihre Gefühle, so diffus oder ungewohnt sie auch sein mögen, richtig und wichtig sind. Dass sie Sinn machen. Und mit den Betroffenen zu erarbeiten, worin dieser Sinn besteht.
Der Sinn des Trauerns ist vielfältig bzw. hat mehrere "Tortenstücke", wie ich es nenne. Es geht einerseits darum, dass der trauernde Mensch den Lebensabschnitt, den er hinter sich lassen muss (weil der, der zu diesem Leben gehört hat, nicht mehr da ist), noch einmal emotional durchlebt, so weh das auch tut. So kann er erkennen, welche Samen der geliebte Mensch in ihm gesetzt hat und worin das psychische Erbe besteht, das der Trauernde nun antreten könnte.
Zum anderen geht es darum, sich der eigenen Qualitäten zu besinnen, der Träume, die man immer schon hatte, der roten Fäden, die sich verlässlich durchs eigene Leben ziehen, unabhängig von dem Menschen, der gegangen ist. Trauerarbeit ist auch eine Bewusstmachung des "Lebens vorher".
Drittens geht es um die Entwicklung neuer Horizonte, basierend auf den beiden vorangegangenen Themen. Um den Schritt, wieder ein Leben zu führen, das man selbst gewählt hat, und das man nicht mehr nur als eine Reaktion auf den Todesfall empfindet.

Zu unterschiedlichen Arten der Trauer...

Ich glaube, man muss zwischen zwei verschiedenen Aspekten von Trauer unterscheiden: Das eine ist der intrapsychische Prozess der Wandlung, der zyklisch verschiedenen Themen durchläuft. Das andere ist der Status des Trauernden, der uns für einige Zeit eine Sonderstellung in unserer Umgebung und sogar so etwas wie "Narrenfreiheit" verleiht.
Was den ersten Aspekt angeht, so glaube ich, dass jeder Trauer so lebt, wie es schon vorher in ihm angelegt war. Die Trauer macht uns nicht plötzlich zu einem anderen Menschen, sie verstärkt nur das, was wir schon sind. Ein positiver Mensch wird nicht plötzlich zum Miesepeter, und andererseits vermutlich nicht sofort die Geschenke erkennen, die der geliebte Mensch durch seinen Tod hinterlassen hat. Die Ausnahme: wenn wir vorher sehr gegen unsere eigentliche Persönlichkeit gelebt haben, kommt mit dem Trauerfall die - teilweise sehr rüde - Aufforderung, gemäß unseres eigenen Wesens zu leben. Wir haben in der Trauer nicht mehr die Kraft, eine Fassade aufrecht zu erhalten. Ein Mensch, der eigentlich introvertiert ist und immer drüberge"kasperlt" hat, wird sich in der Trauer vermutlich plötzlich zurückziehen. Aber es kann auch umgekehrt sein, dass die Trauer irgendwann verschüttete Aspekte freilegt, die wir lange nicht mehr gepflegt haben (z.B. die Freude an kleinen Dingen, oder eine bestimmte Art, uns künstlerisch auszudrücken). Die Trauer macht uns weich, weicht Panzer auf, und wir sehen uns selbst in unserer reineren Form, mit allen Schmerzen, aller Echtheit, aber auch allen Gaben.
Wenn Menschen, wie man oft sagt, in der Trauer "stecken bleiben", so kann das meiner Meinung nach zwei Gründe haben. Erstens: Sie haben nicht die adäquate Begleitung in diesem notwendigen Prozess der Selbstfindung. Oder, zweitens: Sie brauchen den Sonderstatus, den sie durch die Trauer bekommen haben, noch, weil sie mit den Anforderungen einer Gesellschaft, die viele Panzer und viel an Selbstverleugnung von uns einfordert, nicht mehr zu Rande kommen. In diesem Sinne sind die Probleme, die Trauernde haben, gesellschaftlich höchst relevant. Ich sehe Trauernde als "unfreiwillige Vorreiter", die zeigen, wie schwer es ist, den Prozess der Individualisierung konsequent zu gehen und nicht mehr zu "funktionieren" wie es das System möchte. Dieser Prozess steht uns als Gesellschaft allgemein bevor, und jeder gelungene Trauerweg tut hier ein Stück Arbeit.

Zu der Frage nach "guter" oder "schlechter" Trauer

Ein positver Weg ist in jedem Fall: sich selbst und seine Gefühle ernst nehmen. Den Körper einbinden. Sich Hilfe suchen, um mit der Tatsache umgehen zu können, dass man - für eine Zeit oder gar für immer - nicht mehr so gut und nicht mehr gegen seine innere Stimme funktioniert. Welche Konsequenzen hat das für die Lebensgestaltung (neuer Job, Reduktion der Arbeitsstunden, Umzug, ...), und wie kommuniziert man das der Umwelt, sodass sie es verstehen kann? Positive Trauer hat viel mit dem Finden von Worten zu tun. Eigenverantwortlichkeit im Reden über Gefühle, das müssen viele von uns erst lernen.
Was ist negative Trauer? Es ist schwer, das zu beurteilen. Denn auch z.B. die Fähigkeit zur Verdrängung kann eine wichtige Ressource sein und über lange Strecken tragen. Ich glaube, negativ ist, wenn man schon merkt, dass man sein Leben gegen den eigenen Strich lebt und meint, nur lange genug "durchhalten" zu müssen. Ob es negativ ist oder nicht, wenn man sich auf die Trauer festsetzt und zum hauptberuflichen Trauernden wird, weiß ich nicht. Das ist für die Umwelt vielleicht negativ, weil unbequem, aber es kann sein, dass der Mensch das genau so erfahren will, weil er irgendeinen Nutzen davon hat. Und doch führt es vermutlich in ein reicheres Leben, wenn man irgendwann den mutigen Schritt tut, sich nicht mehr nur über die Trauer zu definieren. Es ist sonst so schade um all das, was das Leben sonst noch zu bieten hat.
Eine "gesunde" Trauer hört für mich da auf, wo Suizidgedanken lebensbestimmend werden. Und dort, wo ein Mensch in die Isolation im Sinne von "keiner, nein. keiner kann mich verstehen" geht. Wenn mich ein Trauernder fragt, ob seine Trauer normal ist, würde ich ihn fragen, ob er in den letzten drei Wochen irgendein positives Erlebnis hatte, und sei es auch noch so klein (daran sehe ich, ob sein Horizont verengt ist oder nicht), wie oft er in den letzten drei Wochen an Suizid gedacht hat, und ob er sich innerlich eingefroren oder tiefgekühlt fühlt. Das Nicht-Fühlen-Können ist für mich ein weiterer problematischer Aspekt in der Trauer.

Zur Frage nach dem "Warum"

Ich denke, der wichtigste Gedanke dazu ist: Es gibt nicht "den einen" Sinn. Die Antwort auf das Warum besteht aus vielen kleinen Teilantworten. Man kann sich dieser Frage durch ein paar Umwege annähern. Fragen, die man rundherum stellen kann, sind z.B.:
Warum hat dieser Mensch gelebt? Was ist das Ergebnis seines Lebens (vielleicht mehrere)?
Was hat sich der Mensch durch seinen Tod erspart?
Was hat er an mich übergeben, damit ich es weiterführe (und - ganz wichtig: was von diesem Erbe will ich annehmen? Was schlage ich aus, fürs erste oder grundsätzlich)?
Hinter der Frage "Warum musste x sterben?" Versteckt sich oft eine ganz andere Frage, nämlich: "Warum ist das mir passiert?" Diese Frage leitet zur Auseinandersetzung mit eventuellen Schuldgefühlen, die in jedem Fall angeschaut werden und nicht als unbegründet abgetan werden sollten. Denn worin wir uns schuldig fühlen ist ein wichtiger Hinweis auf das Versäumte, auf das, was betrauert oder nachgeholt werden will.

Mögliche Probleme in der Trauerbegleitung

Vor allem mit dem Problem, dass manche Trauernde noch nicht wahrhaben wollen, dass der einzige Weg in ein selbstbestimmtes, positives "Leben nach dem Tod" ein ganzes Stück persönliche Arbeit bedeutet. Arbeit, die sich auszahlt, die aber auch anstrengend ist. Oft leiden Trauernde darunter, dass ihnen die Umwelt nicht mehr zuhört und wünschen sich vom Trauerbegleiter einfach nur ein Ohr zum Ausweinen. Das macht eine zeitlang Sinn, aber irgendwann braucht es den nächsten konstruktiven Schritt.
Man muss darauf aufpasen, ob sich hinter dem In-Kreis-Jammern nicht die Idee versteckt, dass das Leben verantwortlich ist dafür, wie es dem Klienten geht. Also eine Abgabe der Verantwortung an das Schicksal und eine Weigerung, den eigenen Weg selbst in die Hand zu nehmen. Hier muss man behutsam darauf hinweisen, dass es um das eigene Leben geht und dass man diesen Weg selbst gehen muss. Und man muss positive Horizonte und Ausblicke in den Raum stellen. Trauern lohnt sich!
Noch ein "Problem": Die Trauer wirft viele Fragen und Themen gleichzeitig auf. Man muss hier als Begleiter sehr gut strukturieren, sonst wird der Prozess diffus.

Was meinen Klienten wichtig ist

Sie wollen verstanden sein. Sie wollen das, was sie erleben, in einem größeren Zusammenhang verstehen und das Gefühl bekommen, "richtig" und auf einem guten Weg zu sein. Sie wollen außerdem, dass man sie sieht, weil bei Todesfällen oft alle auf den Verstorbenen schauen und den Trauernden vergessen oder meiden, weil er - im Gegensatz zum Toten - ein wenig unbequem ist. Viele wollen auch einen Raum, ihre Wut auszudrücken. Die Wut gehört zum Trauern ebenso dazu wie die Tränen, nur ist sie nicht so gesellschaftsfähig und wird von der Umwelt meist nicht akzeptiert. Wer weint, der wird umarmt, dem wird geholfen. Wer tobt, von dem wendet man sich schnell ab.

Mögliche Schwierigkeiten im Trauerprozess

Ein paar mögliche Schwierigkeiten liegen in der Vorgeschichte: Gab es eine sehr symbiotische Beziehung? Hat man sich übereinander definiert? Oder: Gab es viel Streit und steht somit viel Schuld im Raum?
Weiters ist es hinderlich, wenn die finanziellen Ressourcen fehlen, um sich professionelle Hilfe leisten zu können. Oder wenn man an den "Falschen" (d.h: nicht passenden) Begleiter gerät und sich nicht traut, zu wechseln.
Wenn ein großer Druck im Außen herrscht (z.B. die Notwendigkeit im Beruf weiter zu funktionieren), ist das für den Trauerprozess wenig förderlich. Trauer braucht Zeit und Raum.
Besonders schwierig wird es, wenn die Trauer durch Alkohol oder Drogen oder Medikamente unterdrückt wird.
Auch die Qualität des menschlichen Umfeldes (Tabus, Anforderungen, ...) kann förderlich oder eben hinderlich sein.

Zur Frage nach dem Ende des Trauerns

Ich denke, man merkt es in dem Moment, in dem es "Klick" macht und man die erste freie, selbstbestimmte Entscheidung trifft, die in Richtung neues Leben weist. Wenn man nicht die Wohnung wechselt, weil man es in der alten nicht mehr aushält, sondern weil einem eine andere Wonung besser gefällt. Wenn man nicht die Ausbildung macht, die einem jetzt irgendwie gut tut, sondern etwas beginnt, was man immer schon machen wollte und für das man sich bereit fühlt. Der Trauerprozess kann meiner Meinung nach abgeschlossen werden. Das heißt nicht, dass man nie mehr traurig ist. Trauer gehört zum Leben. Trauern hingegen heißt, dass man das, was der verlorene Menschen in einem erweckt hat, ins eigene Selbstbild integriert und selbst in sich erwecken kann. Auch das Trauern gehört zu unserem Leben, aber wir durchlaufen verschieden Trauerprozesse, große und kleine, und man muss nicht um einen Menschen ewig trauern. Irgendwann hat auch die Trauer ihren Dienst getan.

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Ca. alle 2 Monate verschicke ich einen Newsletter mit einem Überblick zu kommenden Seminaren und Vorträgen. Außerdem gibt es, für alle, die Interessen und Wohnregion eintragen, kurzfristige Erinnerungen an Seminare, bei denen es noch freie Plätze gibt.
Und wer mich kennt, weiß, dass ich meine Leserinnen und Leser gerne zwischendurch mit Texten und Geschenken erfreue.

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Termine

Ich sammle meine Schätze ein

17. Dezember 2017
Schloss Retzhof

8340, Leitring/Wagna (Stmk)
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Dialogische Beziehungskunst

01. Februar - 10. Juni 2018
St. Virgil Salzburg

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16. - 18. März 2018
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Ernst-Grein-Straße 14, 5026 Salzburg-Aigen (Sbg)
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Federleicht!

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Eybnerstraße 5, 3100 St. Pölten (NÖ)
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13. April 2018
Kulturzeughaus (KUZ) Perg

Fadingerstr. 2, 4320 Perg (OÖ)
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Federleicht!

Federleicht - die kreative Schreibwerkstatt

Mein neues Buch ist da! Es weist den Weg vom ersten, luftig leicht geschriebenen Wort hin zu einem Leben, in dem das Schreiben eine Rolle spielen darf. "Wie die Kraft Ihrer Worte zur Lebenskraft wird", dieser Untertitel ist ernst gemeint und darf sich Seite für Seite weiter erfüllen.

 

Praktisches

Brauchbares aus meinen Werkstätten

Coaching, Körper, Trauerarbeit.
Meine Lieblingsübungen zum Ausprobieren. Texte zum Weitergeben. Gedankenspiele, Gedankenbilder, und viele 5-Minuten-Tricks für Leichtigkeit, Erdung, Gelassenheit und Klärung.

Ausprobieren erlaubt, Weiterempfehlen erwünscht!

 

Der heiße Tipp

An dieser Stelle bewerbe ich wertvolle Fremdveranstaltungen, für die ich die Hand ins Feuer lege.

LAVIA - Trauerbegleitung für Kinder und Jugendliche

Danke! Danke!! ... Danke!!!
Das ist das erste, was mir einfällt, wenn ich an Mechthild Schröter-Rupieper und ihre Arbeit denke. Sie betreut trauernde Kinder und Jugendliche im gesamten Ruhrgebiet, ist immer da, wenn man sie braucht, schenkt Lebensfreude und praktischen Rat in Lebenslagen, bei denen man normalerweise nur noch schweigen kann.

LAVIA - so heißt der Förderverein, der die wunderbare Arbeit möglich macht. Man kann Mitglied werden, man kann spenden - im Wissen, dass man eine wichtige, große, großartige Sache unterstützt.

IBAN:

DE18 4205 0001 0160 1452 79
BIC: WELADED1GEK

Helfen Sie mit? Ich tu's!

 

Teilnehmerstimmen

Liebe Barbara, ich habe mich bei dir sehr gut aufgehoben gefühlt. Durch den Schreibkurs begann für mich ein neues Leben!

H.F., "Sonnenseiten, Glücksmomente und Honigtropfen auf Papier"

 
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