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18.09.2013

Ernte, Dank und Neuanfang

Sommererinnerungen und Richtungsentscheidungen

Mein Sommerwort 2013

Es gibt Sommer, die man nie vergisst. Es sind nicht alle: manche landen schon bald im warmen Schmelztiegel der vergangenen Erfahrungen. Das Zahnrad der Zeit rührt sie ein paar Mal sanft um und vermischt sie mit den vielen anderen Sommern, erlebt und geschmeckt, erwandert und erschwommen, unsere Sommer, unser Leben. Übrig bleibt von diesen Sommern nur eine vage Stimmung, ein archetypisches Gefühl von Leichtigkeit, Wärme und Selbstverständlichkeit. Eine Ahnung davon, dass das Leben gut ist – wenn schon nicht immer, dann wenigstens da, wo Sommer ist.

Doch es gibt auch sie ... die Sommer, die man eben nicht vergisst. Ich zum Beispiel erinnere mich genau an einen ganz bestimmten Sommer meiner Kindheit: Wir waren zwei Wochen in Kärnten auf Urlaub, und meine beste Grundschulfreundin war eingeladen, mich zu begleiten. Ich erinnere mich an unsere abendlichen Softball-Spiele, an fröhliche Waldabenteuer, an das Baden im Klopeinersee, so lange, bis die Haut an den Fingern Runzeln warf und die Lippen blau bibberten. Vor allem aber erinnere ich mich an einen ganz bestimmten Geschmack, der in jenem Sommer ganz neu für mich war.

Waldmeistereis.

Noch heute läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ich glaube, es war ein Eis von Schöller, das nur in diesem einen Jahr zu haben war. „Waldmeister“, für mich ist dieses Wort der Schlüssel zur reichhaltigen Erinnerungsschatzkiste jenes Sommers - sogar dann, wenn ich gerade durch den Baumarkt eile und zufällig am Regal mit den Fertig-Sirup-Flaschen vorbeigehe, wo mir ab und zu die Sorte „Waldmeister“ entgegenlacht. (Der Sirup schmeckt gut, aber lange nicht so gut wie „mein“ Eis aus dem Jahr 1983.) Wo immer er auftaucht: Waldmeister macht mich jung, macht mich wieder zum Kind, zur Freundin, zum springlebendigen, fröhlichen Mäuschen im weißen Badeanzug.

Noch ein Sommer. Ich verbrachte ihn in Rom. Eigentlich war ich nur einen einzigen Tag lang da, auf der Durchreise in die Toskana. Mein Lebensgefährte und ich nutzten diesen Tag in Rom für einen Stadtbummel. Wer mich bei einer Lesung besucht, sieht mich manchmal in der schönen Seidenhose, die ich damals gekauft habe. Und – ganz im Geheimen: Der Wunsch, den ich damals mit meiner Münze in den Trevi-Brunnen geworfen habe, ist tatsächlich in Erfüllung gegangen. Neben dem Brunnen, gleich nach dem Wünschen kaufte mir mein Liebster ein Eis - nein, nicht Waldmeister, sondern eine blitzblaue Sorte, fröhlich, ausgelassen und ein wenig verrückt passte sie zur Stimmung dieses ganzen Tages.

Seit damals bin ich oft in Rom.

Und ich muss dazu nicht einmal verreisen. Es reicht, unter die Dusche zu steigen und eines der vier kleinen Fläschchen mitzunehmen, die ich damals aus dem Hotel mitgehen ließ. Der Badeschaum ist dunkelgrün, das Shampoo ein bisschen heller, aber beide riechen nach, nach ..., ach, ich weiß nicht. Nach Luxus, nach orientalischem Sonnenuntergang, und jedenfalls nach diesem einen Tag in Rom, im Sommer 2011.

Und heuer? Was bleibt von diesem Jahr?

Kein Flugticket, kein Hotelgeruch. Ich bin nicht verreist, es war nicht nötig - wer muss nach Rom, wenn er sieben Wochen lang im schönsten Haus der Welt auf der schönsten Alm der Erde wohnen darf? Ich denke, ich werde mich noch eine schöne Weile lang an den Ausflug in die Tropfsteinhöhle erinnern, auch an meinen tapferen Aufstieg auf den Dürrenstein, an viele Frisbeespiele mit meinem Liebsten und an die Bananentorte, die es zu seinem Geburtstag gab.

Doch das, was ich auch noch in sechzig Jahren ganz genau wissen werde, so, als ob es jetzt gerade gewesen wäre, ist etwas anderes: ein Gefühl. Nein, ich meine nicht Freude, nicht Anstrengung, auch nicht so etwas wie Rührung. Das Gefühl, das ich meine, ist banaler, trockener. Es ist physischer Natur.

Ein Gefühl, an das sich meine Muskeln erinnern,
ganz ohne dass mein Hirn ihm einen Namen geben muss.

Es war irgendwann im Juli. Ich hatte den verregneten, kühlen Juni fast schon wieder vergessen, die Erde in den Gemüsegärten meiner Nachbarn war nach ein paar trockenen, heißen Tagen hochsommerlich dürr geworden, und wo sie nicht gegossen wurde, zeigte sie schon Risse. Früher war mir so etwas nie aufgefallen, aber heuer interessierte ich mich für Gemüse und für die Aggregatzustände der Erde, denn ich war neuerdings Hobby-Landwirtin. Ich hatte ein Stückchen Acker gemietet, einen Acker für Anfänger am Stadtrand von Wien - genau das Richtige für eine Städterin wie mich, die sich nach ein bisschen Erdung sehnt, weil ihr Kopf manchmal zu platzen droht. Auf diesem Acker wird alles von erfahrenen Bauern gepflanzt. Wir, die Pächter, müssen im Frühsommer nur ab und zu vorbeikommen, um die Beikräuter abzujäten.

Beikräuter? Ja, Beikräuter!

Distel, Ackerwinde, Brennnessel, Hirtentäschel, Löwenzahn. Die Biobauern, die den Hof betreiben und jede Woche Informationen an ihre Pächter ausschicken, nennen diese Pflanzen nicht Unkraut. Denn auch wuchernde, kletternde, stachelige und brennende Zeitgenossen haben einen Platz im reichen Garten der Natur, ja, manche von ihnen gelten sogar als Heilpflanzen. Wie könnten wir sie da mit einem abschätzigen Namen versehen? Nur eines muss dem Hobbygärtner klar sein: Da, wo Kartoffeln und Zucchini wachsen sollen, haben Wildkräuter nichts verloren, gerade weil sie kräftiger sind als ihre Kulturpflanzen-Geschwister und alles überwuchern würden.

Es war also im Juli, es war heiß. Und es gab – endlich, so sagten meine Nachbarn am Land - ein heftiges Gewitter, das sich fast durch die ganze Nacht zog. Am nächsten Morgen fuhr ich nach Wien, um auf meinem Acker Un... – oh, Entschuldigung: Beikräuter zu jäten. Ich war eine Weile nicht da gewesen. Die Disteln standen mir bis zum Bauch, die Brennnesseln ebenso. Ich seufzte. Schon im Mai hatte ich mit den Disteln und ihren überlangen Wurzeln gekämpft, hatte mit meinem Distelstecher in der Erde gestochert und trotzdem fast immer den Kampf verloren. „Krax“, schon wieder eine Wurzel abgebrochen, ein Großteil blieb in der Erde stecken, die liebe Distel würde nachwachsen und mich bald wieder begrüßen.

Heute aber war alles anders. Die Erde war nach der Regennacht butterweich. Ich zog am ersten Stängel, und die Pflanze samt ihrem Wurzelwerk glitt wie von Zauberhand aus dem Boden.

Welch ein Genuss!

Disteln, Brennnesseln, Winden, verirrte Dillstauden – sie alle schienen nur darauf zu warten, von meiner kleinen, zarten Frauenhand aus ihrem Erdgefängnis befreit zu werden und am satten Kompost zu landen. Es war, als ob sie mir dankbar entgegenkämen, ausatmend, erleichtert. Schwupp, hui, flopp, alles flutschte, mühelos. So einfach konnte es sein, wenn man den richtigen Zeitpunkt erwischte. So einfach. Noch abends im Bett genoss ich den Nachhall dieser sanften Zugbewegung, eine muskuläre Freude über geschenkten Erfolg, vergleichbar mit

Radfahren bei Rückenwind oder Schwimmen im Bach, in Richtung der Strömung.

Beikraut. So lautet das Wort dieses Sommers. Es wird mich für immer daran erinnern, dass vieles, womit ich kämpfe, auf einmal ganz leicht gehen kann. Es wird mich zum Lachen bringen, vielleicht auch zum Tanzen. Im kommenden Jahr wird Frau Distel mich natürlich wieder begrüßen. Sie ist ja doch stärker als alle Versuche, sie auszureißen. Auch das ist eine Lehre der Beikräuter: Mach nur Ordnung, zieh alles heraus, was gerade nicht gut für dich ist. Wir warten unter der Erde und kommen wieder.

Es ist Herbst geworden. Die Ernte ist eingebracht, die Zucchini sind zu Chutney verarbeitet und in Gläsern eingeweckt, Zwiebeln, Kürbis und Kartoffeln im Keller verstaut. Ich habe die Alm verlassen und mich wieder in meiner Wiener Wohnung eingerichtet, wo mein Schreibtisch steht und mein Kalender hängt.

Auch in diesem Herbst ist es nötig, zu sortieren.

Ich bin dabei, Fruchtbringendes von Nebensächlichem zu trennen und zu entscheiden, was in der kommenden Saison blühen und wachsen darf. Welche Früchte will ich nähren? Und was betrachte ich – derzeit – als Beikraut, das in einem günstigen Moment am Kompost landen darf, um zu gären und irgendwann, in neuer Form, wieder fruchtbar zu werden? Der heurige Herbst macht es mir leicht. Die Erde ist weich, auch in mir. Übergänge, vorläufige Abschiede und Richtungsentscheidungen verlaufen mühelos und gut.

Die Frucht, die täglich kräftiger wird, ist mein Schreiben.

Eben habe ich den ersten Jahrgang meiner Poesietherapieausbildung abgeschlossen, mein zweites Buch ist gut gediehen und liegt derzeit bei meinem Verleger. Ich schreibe täglich und mache mir viele Gedanken darüber, wie und in welcher Form ich die großartige, reiche, nährende, heilsame Welt des Schreibens möglichst vielen Menschen in Zukunft zugänglich machen kann.

Die Beikräuter meines Lebens, Heilpflanzen, für die ich dankbar bin, kräftige Stauden, die zu gutem Kompost werden dürfen, sie ziehe ich fürs Erste heraus, im Wissen, dass sie nicht wirklich verloren gehen.

Was darf gehen?

Mit großem Erntedank verabschiede ich ein paar Schwerpunkte aus meinem beruflichen Leben. Ich habe mich entschieden, meine Atemstunden und Atemkurse an meinen geschätzten Lehrer Norbert Faller zu übergeben, den Sie schon bald in den vertrauten Programmheften des Retzhofs und anderer Bildungsträger entdecken werden. Ich empfehle Norbert von ganzem Herzen, es gibt keinen für mich keinen besseren Atempädagogen als ihn. (www.atempaedagogik.at).

Ebenso werde ich keine neuen Lesungen aus meinem Buch „vier minus drei“ mehr zusagen. Es ist an der Zeit, diesen wichtigen Abschnitt meiner Geschichte wieder ganz zu mir zu nehmen. Es verschafft mir eine gute Atempause bis zum September 2014. Denn da wird mein neues Buch – ein Buch nach fünf Jahren Trauer- und Lebenszeit mit sehr persönlichen Antworten auf die großen Fragen der Trauer - erscheinen.

Gestern habe ich eine große Kiste gepackt, in die ich alle 32 (!) Trauerbücher aus meiner Bibliothek verstaut habe. Ich werfe sie nicht weg, aber ich entferne sie doch vorerst aus meinem Blick- und Lebensfeld.

Was den Dialog nach David Bohm angeht: Ich freue mich sehr, dass auch hier – zumindest zum Teil – eine wunderbare Staffelübergabe stattfinden durfte. Mein geliebter Lebensgefährte Ulrich Reinthaller hat dem Dialog mit seinem neu gegründeten Dialogikum Phönixberg ein sehr würdiges, fruchtbares Feld eröffnet. Aktuell empfehle ich den Dialog zwischen David Steindl-Rast und Dr. Harald Pietschmann am 26.9.2013 in Rabenstein an der Pielach. (www.phoenixberg.at).

Dialogseminare biete ich weiterhin gemeinsam mit meinem Partner Ulrich Reinthaller an, der es wie kein anderer versteht, den Geist des Dialogs zu beschwören und für Menschen erfahrbar zu machen. Derzeit sind Seminare im Seminar.Kunst.Haus Phönixberg (12.10.2013) und im Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten (14.12.2013, 8.3.2014) ausgeschrieben.

Ich freue mich sehr auf die „erleichterte“ Zeit, die gerade anbricht, und auch auf alles, was in diesem Herbst noch auf mich und Sie wartet.

Von Herzen Ihre
glückliche
Barbara Pachl-Eberhart

Newsletter

Ca. alle 2 Monate verschicke ich einen Newsletter mit einem Überblick zu kommenden Seminaren und Vorträgen. Außerdem gibt es, für alle, die Interessen und Wohnregion eintragen, kurzfristige Erinnerungen an Seminare, bei denen es noch freie Plätze gibt.
Und wer mich kennt, weiß, dass ich meine Leserinnen und Leser gerne zwischendurch mit Texten und Geschenken erfreue.

Anmeldung

Termine

Ich sammle meine Schätze ein

17. Dezember 2017
Schloss Retzhof

8340, Leitring/Wagna (Stmk)
Infos und Anmeldung

Plätze frei

Dialogische Beziehungskunst

01. Februar - 10. Juni 2018
St. Virgil Salzburg

Ernst-Grein-Straße 14, 5026 Salzburg-Aigen (Sbg)
Infos und Anmeldung

Plätze frei

Neun Mal besser schreiben

16. - 18. März 2018
St. Virgil Salzburg

Ernst-Grein-Straße 14, 5026 Salzburg-Aigen (Sbg)
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Ausgebucht - Warteliste

Federleicht!

24. - 25. März 2018
Bildungshaus St. Hippolyt

Eybnerstraße 5, 3100 St. Pölten (NÖ)
Infos und Anmeldung

Plätze frei

Naseweisheiten

13. April 2018
Kulturzeughaus (KUZ) Perg

Fadingerstr. 2, 4320 Perg (OÖ)
Infos und Anmeldung

Plätze frei

Federleicht!

Federleicht - die kreative Schreibwerkstatt

Mein neues Buch ist da! Es weist den Weg vom ersten, luftig leicht geschriebenen Wort hin zu einem Leben, in dem das Schreiben eine Rolle spielen darf. "Wie die Kraft Ihrer Worte zur Lebenskraft wird", dieser Untertitel ist ernst gemeint und darf sich Seite für Seite weiter erfüllen.

 

Praktisches

Brauchbares aus meinen Werkstätten

Coaching, Körper, Trauerarbeit.
Meine Lieblingsübungen zum Ausprobieren. Texte zum Weitergeben. Gedankenspiele, Gedankenbilder, und viele 5-Minuten-Tricks für Leichtigkeit, Erdung, Gelassenheit und Klärung.

Ausprobieren erlaubt, Weiterempfehlen erwünscht!

 

Der heiße Tipp

An dieser Stelle bewerbe ich wertvolle Fremdveranstaltungen, für die ich die Hand ins Feuer lege.

LAVIA - Trauerbegleitung für Kinder und Jugendliche

Danke! Danke!! ... Danke!!!
Das ist das erste, was mir einfällt, wenn ich an Mechthild Schröter-Rupieper und ihre Arbeit denke. Sie betreut trauernde Kinder und Jugendliche im gesamten Ruhrgebiet, ist immer da, wenn man sie braucht, schenkt Lebensfreude und praktischen Rat in Lebenslagen, bei denen man normalerweise nur noch schweigen kann.

LAVIA - so heißt der Förderverein, der die wunderbare Arbeit möglich macht. Man kann Mitglied werden, man kann spenden - im Wissen, dass man eine wichtige, große, großartige Sache unterstützt.

IBAN:

DE18 4205 0001 0160 1452 79
BIC: WELADED1GEK

Helfen Sie mit? Ich tu's!

 

Teilnehmerstimmen

Zu erfahren, dass "sich mit seinem Körper auseinandersetzen" nicht unbedingt Schwerstarbeit erfordert, war sehr, sehr schön. Kein "Muss", so soll es sein.
Ich nehme mit, mich durch diese sehr einfachen Übungen mit mir auseinanderzusetzen, mich in meiner Ganzheit anzunehmen und zu lieben. Auch meinen Körper.

S.R., "Mein Atem und ich"

 
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